Suchen
Veranstaltungen filtern nach...

"Tanz Roter Punkt Tanz"


Lesung mit Udo Bergmann


Do, 14.02.19

Der Nachbarin Café

Rubrik: Literatur

Einlass: 18 Uhr

Beginn: 19 Uhr

Eintritt: frei

1969. Zwei Wochen im Juni unter silberblauen hannöverschen Himmeln. Hunderte, tausende Menschen auf den Straßen, Plätzen und Gleisen ihrer Stadt. Gegen mehr als dreißigprozentige Fahrpreiserhöhungen der Üstra.

Udo Bergmann öffnet mit seinem Roman “Tanz Roter Punkt Tanz” ein Fenster in die “wilden” End­sechziger Jahre. Wie auf die Leinwand getupft die Farben des Aufbegehrens gegen die Herrschaft des “Alten”, geformt aus Wertvorstellungen der Vorkriegszeit. Aufgemuckt gegen bedrängend autoritär, auch feindselig erscheinende Ausbildungsverhältnisse in Schule, Betrieb und Universität. Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg in Westberlin, das Attentat auf Rudi Dutschke. Der Vietnamkrieg der USA. Sie treiben eine Welle der Empörung über die Straßen westdeutscher Universitätsstädte, vertiefen die Gräben zwischen dem “Alten”, dem Establishment und den drängenden Kräften der “Neuen” Jugend.

Bergmann beschreibt eindringlich die Dynamik dieser Prozesse und die dabei aufeinanderprallenden Gesellschaftsentwürfe. Seine Sympathien und seine Haltung sind durchaus parteiisch, wobei er sich einer sanften Ironie, eines derben Spruches nicht immer enthalten kann.

Die Geschichte des Roten Punktes schafft einen unmittelbaren Zugang zu der direkten Aktion, der Begeisterung der Herzen angesichts des Zusammenwachsens und der Solidarität der Menschen auf den Gleisen. So bekommen die geschilderten Auseinandersetzungen gegen die Fahrpreiserhöhungen der Üstra ein Erfahrbarkeit, die verstehen lässt, dass die eine, mit einem Auto ausgerüstete Hälfte der hannoverschen Bevölkerung, die andere, die autolose Hälfte, in freudigem Schwung im Mitnahmeverkehr zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen transportiert – und so der arroganten und verdrießlichen Üstra und ihren unverständigen Helfern erfolgreich die Stirn bietet. In einem emanzipatorischen Tanz, der an den Fesseln obrigkeitsstaatlicher Selbstherrlichkeit nagt. Keimzelle für eine leuchtende und bunte Vielfalt in der heutigen hannoverschen Kultur- und Kleinkunst-Szene?

Erinnerungen als zeitgeschichtlicher Erfahrungsschatz, der nach fast fünfzig Jahren zurück ans Tageslicht strebt. In eine Welt, die sich Versuchen der Umwälzung und neuer Angriffe von Rechts zu erwehren hat. Denn: “Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch”. Brechts Warnung vor drohendem Faschismus gewinnt neue Aktualität. Auch angesichts verschleiernder Wortschöpfungen in Politik und Medien. Wenn statt klarer Benennung faschistoider Zusammenrottungen von verharmlosendem “Rechtspopulismus” die milde Rede ist.

Die Überwindung scheinbarer Gegensätze, wie 1969 in den Roter-Punkt-Aktionen, können sie einen Weg aufzeigen, alte gemeinsame Interessen neu zu entdecken und zu festigen? Wie lässt es sich leben mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?