Geschichte(n) in Vielfalt
Auseinandersetzung mit Geschichte(n) in der Einwanderungsgesellschaft
Einwanderung hat in Deutschland zu einer Vielfalt von Erinnerungen an historische Ereignisse geführt: Unrechtserfahrungen und systematische Gewalt, Kriege, Bürgerkriege, Diktaturen, Vertreibungen, Verfolgung und Flucht, Völkermord, Kolonialismus, aber auch Widerstand und Selbstbehauptung. Solche Erfahrungen von historischem Unrecht und kollektiver Gewalt können, besonders wenn sie unaufgearbeitet oder umstritten sind, lange nachwirken und zu fortdauernden Spannungen führen, die das Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft belasten.
Mit der von der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” geförderten Veranstaltungsreihe bietet das Kulturzentrum Faust in insgesamt zehn Workshops bis Oktober 2012 Betroffenen und Interessierten interkulturelle Bildungs- und Begegnungsangebote, die vernachlässigte oder konflikthafte Bezüge gewaltsamer Geschichte aufarbeiten. Durch Aufklärung und Informationen sollen Vorurteile und Integrations-Hemmnisse abgebaut werden. Ziel des Projektes ist es, zu einer Kultur des Respekts und der gleichberechtigten Verständigung sowie einem friedlichen Zusammenleben verschiedener Gruppen in Deutschland beizutragen.
Die Workshops finden überwiegend an Sonntagen statt und haben eine Dauer von circa sechs Stunden. Sie beginnen jeweils mit einem Einführungsreferat, das einen umfassenden kulturellen und historischen Überblick ermöglicht. Im Anschluss berichten Zeitzeugen und Angehörige. Es folgt eine Stunde mit Arbeitsgruppen, deren Ergebnisse bei einer abschließenden Plenumsdiskussion präsentiert werden. Der Eintritt ist frei.
Bei größeren Gruppen, Vereinen und Schulen bitten wir um Voranmeldung.
Anmeldung unter:
Tel. 0511 / 45 50 01 (Zentrale Faust)
Mail: faust@kulturzentrum-faust.de
Das Programm in der Übersicht:
Roma-Workshop
Sonntag, 4. Dezember 2011
12.00–18.30 Uhr
Ort: Kunsthalle Faust
Thematisiert werden Historie und Kultur der Roma, individuelle Berichte über das schicksalhafte Leben im Kosovo und in Serbien, Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe sowie Diskriminierung und Verfolgung.Es folgen Bildvorführungen über Roma im Laufe der Geschichte. Abschließend geht es um die Einordnung des historisch-biographischen Erinnerns in einen Gegenwartsbezug. Wie und wodurch bestimmen traumatische Erfahrungen der Vergangenheit den Lebensalltag der beiden Referenten bis heute? Was wirkt nach, welche Ängste verstärken sich, was konnte oder könnte verändert werden? Wie kann die Gesellschaft helfen, wann nur man selbst?
Referenten: Sevdije und Dvedjet Berisa
Kurdische Geschichte: Schwerpunkt Türkei
Sonntag, 22. April 2012
12:00–18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Der Workshop beginnt mit einem Einführungsreferat des Soziologen Martin Deuzer. Im Anschluss folgen Zeitzeugenberichte von den Brandanschlägen auf alevitische Kurden in Sivas in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Außerdem gibt es Berichte über die Massaker von Dersim 1938 und die religiöse Verfolgung der Yesiden durch den Staat sowie moslemische Kurden in den 1980er-Jahren.
Kurdische Geschichte: Schwerpunkt Iran, Irak, Syrien
Sonntag, 29. April 2012
10:00–16:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Der Workshop beginnt mit einem Einführungsreferat durch den Hamburger Soziologen Martin Dolzer und Fuad Zindani. Im Anschluss folgen Berichte über die Situation der irakischen Kurden zu Zeiten Saddam Husseins sowie aktuelle Vergleiche zur Lebenssituation in der iranischen Provinz Kurdistan und in Syrien. In der abschließenden Plenumsdiskussion wollen wir uns in Gegenwartsbezug mit interreligiösen Konflikten, Ängsten vor Entwurzelung und kulturellem Identitätsverlust sowie Generationskonflikten beschäftigen und nach Lösungen suchen.
Folter und Unterdrückung in Chile nach Allendes Sturz
Sonntag, 20. Mai 2012
12:00–18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Der Workshop beginnt mit einem Einführungsreferat von Prof.Dr. Ingolf Ahlers. Im Anschluss wird Patricio Troncoso Munoz, der 1976 aus Chile nach Argentinien und von dort aus nach Deutschland flüchten musste, über das gefahrvolle Leben seiner Familie während dieser Zeit erzählen. Es folgen Berichte und Fotos von Ilona Troncoso Munoz über ihren dreimonatigen Südamerika-Aufenthalt. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt wird die Traumatisierung der “zweiten Generation” sein.
Sinti-Workshop
Donnerstag, 31. Mai 2012
10:00–16:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Als Einführung wird heute ein Rundgang durch die Austellung “Aus Niedersachsen nach Auschwitz – die Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit” angeboten. Anschließend soll die soziale Situation der Sinti in Deutschland und die Auswirkung der historischen Ereignisse in Gruppen besprochen werden. Es berichten der Historiker Boris Erchenbrecher und die Vorstandsmitglieder Ramona Weiß und Douglas Laubinger vom Dachverband der Sinti Niedersachsen.
Kongo
Sonntag, 24. Juni 2012
12:00–18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Kongo ist ein bevölkerungsreiches Land mit schwindelerrenden Bodenschätzen. Von Kolonialherren als “Herz der Finsternis” abgestempelt, nach der Unabhängigkeit von Belgien zu einem Schlachtfeld geworden, sucht das Land nach einem eigenen Weg, um zu Normalität zu finden. Zum Thema gibt es ein Einführungsreferat von dem Germanisten und Kulturwissenschaftler Florentin Sahakanta. Außerdem soll ein ausführlicher Überblick über die komplexen Konstellationen, die das postkoloniale Kongo bestimmen, vermittelt werden. Dazu kommen biographische Berichte politischer Flüchtlinge, die zu Beginn der 1990er-Jahre ihr Land verlassen mussten.
Vietnam und die Boat-People
Sonntag, 9. September 2012
12:00 – 18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Vietnam, ein Land mit uralter Geschichte und Kultur. Über tausend Jahre besetzt durch chinesische Dynastien, Franzosen, Japaner und Amerikaner. Leidtragende der Ausbeutung war immer die vietnamesische Bevölkerung. 1976 wurde das Land nach 30 Jahren Bürgerkrieg unabhängig, doch die Gegensätze zwischen Nord und Süd waren unüberwindlich geworden. Der Rachefeldzug der nordvietnamesischen Regierung trieb Hunderttausende Südvietnamesen in die Flucht. Zehntausende dieser sogenannten Boat-People kamen ums Leben. Überlebende Boat-People, die damals nach Hannover kamen, erzählen ihre Geschichte. Wie sie sich integriert haben, warum es keine heterogene vietnamesische Gemeinschaft in Deutschland gibt, warum die Konflikte hier weiterbestehen und was die Einwanderungsgesellschaft Deutschland von Vietnamesen lernen kann, werden Schwerpunkte der abschließenden Diskussion sein. Es referieren unter anderem der Wissenschaftler Quang Trong Dam aus Nürnberg, der Soziologe Prof. Hartmut Griese und der Historiker Heiko Arndt.
Armenien – der Völkermord
Sonntag, 30. September 2012
12:00 – 18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Was fällt uns zu Armenien ein? Noahs Arche vielleicht, die nach der Sintflut auf dem Ararat, dem heiligen Berg der Armenier, landete. Vielleicht auch Alexander der Große oder Mark Anton, sie alle waren dort. Armenien erlebte in seiner dreitausendjährigen Geschichte Zeiten der Unabhängigkeit und der Abhängigkeit. Denn die Großmächte der Zeit, ob das Persische oder das Römische Reich, Byzanz, das Osmanische Reich und später Russland, begehrten und beherrschten es. Am dramatischsten war der Völkermord von 1915, dem 1,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich zum Opfer fielen. Der Workshop beinhaltet Beiträge zur Kultur und politischen Geschichte Armeniens und die Hintergründe des Völkermords und die aktuelle politische Debatte darüber. Referenten sind der Politikwissenschaftler Vahan Balayan aus Hamburg, der Historiker Dr. Martin Stupperich, Antraneg Aznavour vom Zentralrat der Armenier und Dr. Raffi Kantian, Verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift ADK.
Postkolonialismus in Afrika
Sonntag, 14. Oktober 2012
12:00 – 18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Warum bildet sich Afrika in unseren Köpfen fast ausschließlich als Kontinent der Unruhe, der Kriege, der Gewalt und des Hungers ab? Warum sind Millionen Afrikaner dauerhaft auf der Flucht und suchen unter lebensgefährlichen Umständen den Weg nach Europa? Die Beschäftigung mit diesen Fragen und der Suche nach positiven Entwicklungen respektive Erklärungen für deren permanentes Scheitern führen unweigerlich zum Thema Kolonialismus/Postkolonialismus. Mit postkolonialistischen Ansätzen wollen wir untersuchen, wie in der Vergangenheit Kultur und Identität durch Kolonialmächte bestimmt wurden. Doch auch heute noch kann das Geschehen in Afrika jederzeit im Kontext des Kulturkonfliktes der Kolonisierten und der Kolonialherren gesehen werden. An ausgewählten Beispielen wie beispielsweise Südafrika, Kongo und Nigeria wollen wir uns mit den Elementen des Kolonialismus beschäftigen, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Es referieren unter anderem referieren unter anderem die Autorin Aghata Ngoniani (Tansania), der Kulturwissenschaftler Patrice Djoufack (Kamerun), der Pädagoge Papy Lunguangu (Kongo), Abayome Bankole (Nigeria) vom Afrikanischen Dachverband und der Politologe Prof. Dr. Ingolf Ahlers.
Iran
Sonntag, 21. Oktober 2012
12:00–18:30 Uhr
Ort: Warenannahme
Iran zählt zu den zwanzig bevölkerungsreichsten und größten Staaten der Welt. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. errichteten die Achämeniden ein erstes persisches Großreich, das noch heute an den Schnittstellen Zentralasiens, West- und Südasiens liegt und reich an Kupfer und Erzen ist. Welche positiven aber auch negativen Auswirkungen geographische Lage und Bodenschätze hatten und haben, wird in einem ausführlichen Einführungsreferat erläutert. Wer die neuere Geschichte des Irans verstehen will, muss sich mit zwei Revolutionen beschäftigen: der konstitutionellen Revolution von 1906 bis 1917 und der 1979er-Revolution. In weiteren Beiträgen wird die Geschichte der politischen und kulturellen Entwicklungen vertieft. Iran ist immer wieder für Überraschungen gut, schreibt Dr. Javaher-Haghighi in einem seiner Bücher, aber nur deshalb, weil uns medial allenfalls Halbwissen über dieses Land vermittelt wird. Ohne Hintergrundkenntnisse darüber, warum sich in der 3000-jährigen Historie immer nur heterogene Gesellschaften entwickelt haben, ist es nicht möglich, die aktuellen Konflikte und Probleme Irans zu verstehen. Dieser Workshop soll einen Beitrag zum besseren Verständnis liefern. Es referieren unter anderem der Politologe Dr. Peyman Javaher-Haghighi, die Journalistin und Schriftstellerin Noshin Shahrokhi und Ferdos Mirabadi von kargah e.V.
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