Kapitel 3 Weg 41 – Ein Ziel

Samuel kam in seiner Klasse an wie immer – wie ein Geist. Die Blicke der Schüler glitten über ihn hinweg, als wäre er aus Glas. Niemand redete mit ihm. Niemand beachtete ihn. Niemand schaute ihn an. Doch besser, als gehänselt zu werden. Das würde später in der Pause passieren. Der Deutschlehrer Herr Ernst schritt in die Klasse und blickte mit dreister Miene um sich. Alle wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Sie gingen zu ihren Plätzen und es wurde ganz still. „Naja, seine besten Jahre hat er auch hinter sich“, dachte Samuel.

Es war Berufseinfindungswoche im Jahrgang und als Einstieg gab Herr Ernst den Schülern die Aufgabe: „Was wollt Ihr machen, wenn Ihr erwachsen seid, und warum?“. Alle Schüler hatten schon eine gewisse Ahnung. Von Fußballer über Wissenschaftler bis hin zum Instagram-Model kam so einiges bei den jungen Träumern zusammen. Nur Samuel wusste nicht so recht. Während die anderen eifrig kritzelten, vergingen erstmal fünf Minuten, in denen Samuel nichts schrieb. „Hmmm“, dachte er sich. In seinem Kopf herrschte Funkstille. Das einzige, was er wollte, wäre seiner Mutter zu helfen. Aber wie? Der Lehrer sah das leere Blatt Papier vor Samuel, doch er sagte nichts. Dann schrieb Samuel auf, was ihm so in den Sinn kam. Anschließend lasen fünf Schüler erstmal ihre Texte vor, was wie später gerne machen würden und warum. Zum Beispiel wollte der Andrei Fußballer werden, weil er so gut Fußball spielt.

Als Samuel an der Reihe war, las er vor: „Wenn ich erwachsen bin, dann will ich stark werden. Ich will so stark werden, dass ich nicht nur alleine zurecht komme, sondern auch meine Freunde und Familie beschützen kann. Ich will so stark werden, dass ich mich nicht mehr zu fürchten brauche – egal, wovor. Und ich will so stark werden, das niemand in meiner Nähe mehr eine Träne zu vergießen braucht.“ Einige Mitschüler wussten, dass sie gemeint waren und blickten verlegen auf ihren Tisch nieder. Der Lehrer, der offenbar auf eine Antwort wie zum Beispiel 'Feuerwehrmann' gewartet hatte, blickte sichtlich erstaunt drein. Aber Samuel war im Moment egal, was sie alle von ihm dachten. Denn er wollte die Sache selbst in die Hand nehmen und hatte gerade den ersten Schritt getan. Er fühlte sich besser.