Kapitel 5 Weg 2112 – Ratschlag

Das Wetter war schön, die Sonne schien und Mohammed fiel plötzlich ein, dass er heute gar nicht zum Amt gehen brauchte – es war ja Sonnabend und somit kein Sprechtag… Er ging langsam zum Leineufer hinunter und setzte sich auf eine freie Bank, um etwas nachzudenken. Nach einer Weile näherte sich ein älteres Ehepaar, sie saß im Rollstuhl und er schob sie. Bei der Bank angekommen, stellte der Mann die Frage, ob der Platz neben Mohammed noch frei sei. Natürlich war er frei und nach kurzer Zeit kam man ins Gespräch – wie schön heute das Wetter heute sei und was man alles anstellen könne und auch, was Mohammed heute noch so vorhätte. Man hatte sich schnell auf das „Du“ geeinigt, sie hieß Erika und er Paul und Mohammeds Nachnamen hätten die beiden sowieso nicht hingekriegt.
Dass er aus Syrien komme, sagte Mohammed und dass er schon seit zwei Jahren in Deutschland lebe… „So etwas ähnliches habe ich mir schon gedacht“, sagte Paul, „aber das ist bei uns in Linden eigentlich kein Problem. Hier hat schon immer eine bunte Mischung zusammengelebt, Sei froh, dass du nicht im Osten Deutschlands gelandet bist, wo in manchen Gegenden als Ausländer erkennbare Menschen wie Feinde betrachtet werden. Hier bei uns in Linden leben „schon immer“ Spanier, Italiener, Griechen, Türken, Araber usw. zusammen. Unangenehm fallen überwiegend die Deutschen mit und ohne irgendwelche ‚Wurzeln’ auf, die hier nicht wohnen und nachts besoffen, lärmend und grölend durch die Straßen ziehen.“
„Und noch etwas“, sagte Erika, die bis dahin nur still zugehört hatte, „du bist in erster Linie äußerlich erkennbar ein Ausländer. Das ist durch den jahrzehntelangen Umgang miteinander hier nichts Außergewöhnliches. Du bist aus Syrien oder einem anderen Land geflohen, aus welchen Gründen auch immer, also bist du ein Flüchtling. Obwohl das kein Kriterium für den Umgang miteinander sein sollte, sieht man dir das aber nicht so ohne weiteres an. Natürlich gibt es auch in unserer Bevölkerung eine bunte Mischung von Ansichten, auch Bedenken und Vorurteile, aber genauso Vertrauensvorschuss und Optimismus.“
Mohammed berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Amt, von seinen Bemühungen, die Familie zusammenzuführen. Von seinen beruflichen Zukunftsplänen hatte er noch keine genauen Vorstellungen, auch nicht davon, ob und wann er in seine Heimat zurückkehren würde.
Paul meinte: „Mach das Beste aus deiner Zeit hier. Du bist 22 Jahre alt, das Leben liegt noch vor dir. Sei Optimist, aber auch Realist. Du kommst aus der Hölle, bist aber nicht unbedingt im Paradies gelandet. Keiner sagt ‚genau auf dich haben wir gewartet’, allenfalls erreichst du ein ‚versuchen wir es mal’… Und das ist schon viel, verpass es nicht! Wir haben in unserem Leben auch so manchen Rückschlag erlebt, es lief beileibe nicht alles nach Plan. Aber das will keiner wirklich hören, dann heißt es höchstens, die Mumien nörgeln schon wieder.“
Paul stand auf, zupfte seiner Erika die Decke zurecht und sagte: „Na, dann wollen wir mal wieder – es gibt noch Kaffee und Kuchen, das wollen wir nicht verpassen. Mohammed, mein Junge (er sagte wirklich ‚mein Junge’), lass nicht nach. Du wirst deinen Weg machen, da bin ich sicher. Bis bald einmal…“