Kapitel 8 Weg 2.1.1.1.1.1.1 – Verständigung

Als er zurück zur Bank ging, war Frau Frankiewicz weg. So beschloss auch Hans weiterzugehen und machte sich auf in Richtung Ihme. Auf dem Weg dorthin kam der frische Duft des Grases und dass Quaken der Enten immer näher. Als er den üppigen, grasbewachsenen Boden sah, musste er sich sofort hinlegen. Ein paar Schritte neben ihm lag ein Mann und er war wahrscheinlich genauso fasziniert vom Zwitschern der Vögel und vom Plätschern des trüben Wassers wie Hans. Hans sah ihm über die Schulter, der Mann las ein Gedicht. Es schien aus demselben Kontext zu stammen wie das Gedicht, das Hans vorhin eingefallen war:

Das Glück im fremden Land

Im Leben hier in Deutschland gibt es sehr viel Glück,
komm ich gebe dir ein Stück.
Damit dein Unglück Dich nicht bedrückt.
Das ist dann unser gemeinsames Glück.

Meine Stärken und Schwächen sind
so wie mein Glück und mein Gewissen.
Das größte Glück auf der Erde ist,
dass man jemanden hat,
der für einen da ist und einen in den Arm nimmt,
wenn es nötig ist.

Ich höre auf meine innere Stimme
auf dem Weg zum Glück.
Ich suchte das Glück,
denn es ist im Leben das wichtigste Stück.

Der unbekannte Mann fragte mit einem leichten Akzent, den Hans nicht wirklich zuordnen konnte: „Was hat Sie hierher geführt?“
Hans antwortete: „Ich habe mir einfach freigenommen und beschlossen, mich bei diesem schönen Wetter einfach mal auf die Wiese zu setzen und die pralle Sonne zu genießen. Und was ist mit Ihnen?”
Der Unbekannte sah Hans komisch an, er hatte wahrscheinlich nicht mit dessen offener Art gerechnet und antwortete dann schließlich: „Mich haben die Erinnerungen hierher gelockt. Wie heißt Du?“
„Hans, und Du?“
„Mein Name ist Mohammed“, sagte der Unbekannte.
Darauf fragte Hans: „Und wie findest du das Wetter?“
Sie blickten beide in den Himmel und überlegten. Nach ein paar Minuten des Schweigens fing Mohammed an zu sprechen: „Es ist besser als ein rauchiger Himmel voller Bomben.“
Er lachte schwach, doch es war eher ein gezwungenes Lachen. Hans war im ersten Moment über diese Antwort erschrocken, wollte Mohammed aber nicht weiter in Verlegenheit bringen. Deshalb beschloss er, nicht weiter nachzuhaken und es dabei zu belassen.
Eine Frau ging mit ihrem Hund vorbei. Die beiden beobachteten sie und fingen an, über den Hund zu reden und darüber, wie die Besitzerin mit ihm umging.
„Gibt es da, wo Du gelebt hast, auch so viele Haustiere?“, fragte Hans.
„Nein, nicht einmal ansatzweise. Bei uns gibt es ganz im Gegenteil viel zu viele Straßenhunde und niemand möchte sie haben, weil sie oft krank sind. Bei Euch werden Tiere sehr hoch angesehen, oder?” fragte Mohammed.
„Ja, das stimmt genau!“, sagte Hans.

Die Unterhaltung mit Hans gefiel Mohammed sehr, er konnte scheinbar über alles reden, und so stellte er auch schon seine nächste Frage: „Ich finde es echt nicht gut, dass hier überall viel Hundekot herumliegt und dass keiner sauber macht. Es sollte doch wenigstens in der grünsten Stadt Niedersachsens etwas mehr Hygiene geben, findest Du nicht?“
Hans antwortete: „Ja, das stimmt, eigentlich sollte jeder das, was sein Haustier hinterlässt mit Plastiktüten oder auf andere Weise entfernen. Wenn man sich ein Haustier anschafft, gehört es dazu, die Verantwortung zu übernehmen, auch für den Kot.“
„Ich finde es wirklich komisch, dass viele Deutsche, obwohl sie draußen vielleicht auf irgendwelche Sachen getreten sind, mit Schuhen in ihre Häuser gehen. Denk mal drüber nach, Du trittst aus Versehen in einen Haufen und gehst dann noch mit den Schuhen in Deine Wohnung, in der Deine Kinder auf dem Boden spielen.“
„Ja, darüber denke ich auch oft nach.“
Das Gespräch war zu Ende. Hans saß da und dachte darüber nach, dass er gerade mit einem Neuzuwanderer ein so normales Gespräch hatte. Es war, als hätte er mit einem Bekannten gesprochen, es war so normal. Er hatte ihn noch nie zuvor gesehen, doch trotzdem kam er ihm so vertraut vor. All das dachte er in einem Moment.