Kapitel 5 Weg 2.1.1.1 – Erinnerungen

Heute war ausnahmsweise einmal ein sehr sonniger Tag, was Mohammed bis jetzt in Deutschland nicht oft zu Gesicht bekommen hatte. Es war Frühling und dieser warme Tag war eher typisch für den Sommer hier in Deutschland. Die Bäume blühten auf und die schöne Natur kam zum Vorschein.
Immerhin war Hannover die grünste Stadt Niedersachsens. Die Blätter spiegelten sich in der Sonne, die eher selten über Linden schien.
Auf dem Weg zum Markt sah er die Brücke, unter der der Fluss Ihme vorbeifloss. Da es heute so schönes Wetter und er nicht in Eile war, beschloss er, sich kurz auf die Wiese zu setzen und die Sonne zu genießen. Auf der Wiese waren mal wieder unzählige Tauben, wie sie überall in Hannover zu finden waren. Diese erinnert ihn an die Pingeligkeit in Deutschland, da man sie nicht füttern dürfe, weil sie sonst alles mit ihrem Kot verdrecken würden.
Das kaum hörbare Rauschen der Ihme klang in seinen Ohren wie ein Echo der Geräusche, die ihn in seiner Vergangenheit als Flüchtling durch das ganze Mittelmeer begleitet hatten, und das Zwitschern der Vögel hörte sich an wie die Schreie der verhungernden Freunde in dem kleinen Schlauchboot.

Die Bilder spiegelten sich in seinem Kopf wider. Er erinnerte sich daran, wie er zwei Wochen lang in Griechenland festgehalten wurde, wie er Tausende von Familien, die getrennt wurden, von dem kleinen Schlauchboot aus gesehen und weinen gehört hatte. Wie in Syrien die Bomben einschlugen und seinen Vater unter den Trümmern begruben, ihn dazu zwangen, seine große Liebe in einem Land, das nur vom Krieg geprägt wurde, allein zu lassen. Ein Gedicht trat ihm vor Augen, das er in einer Broschüre gelesen hatte, die von der gEMiDe-Jugend, den Jugendlichen eines interkulturellen Vereins im Stadtteil herausgegeben worden war. Die Jugendlichen dort hatten es geschrieben und es hatte seine Seele berührt:

Unser Gespräch
Herz will sprechen,
Zunge kann nicht,
Lunge will atmen,
Brust kann nicht,
Körper will laufen,
Bein kann nicht,
Seele will schlafen,
Gehirn kann nicht,
Bilder in mir kann ich Dir nur beschreiben,
ob Du verstehst, wird ein Geheimnis bleiben.

Die Tränen der alleingelassenen Kinder, die Schreie der in Schutt und Asche begrabenen Menschen: Das Alles konnte er in diesem Augenblick der Stille spüren. Er fühlte, wie eine kleine Träne seine Wange hinablief und seinen Mund erreichte. Er schmeckte Salz in seinem Mund, doch plötzlich wurde er wieder in die Realität zurückgeholt. Er hörte die Glockenschläge und ihm wurde bewusst, dass es Zeit war, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich auf das Positive zu konzentrieren. So rappelte er sich langsam auf, um sich wieder auf den Weg zu machen.