Kapitel 4 Weg 211 – Linden

Seit zwei Jahren war er schon in Deutschland und nie hatte er so viele Möglichkeiten gehabt, etwas zu unternehmen. Heute hatte er frei und wollte endlich zum Markt, um sich seinen ersten eigenen Fernseher zu kaufen. Später am Tag würde er wieder zum Amt gehen, um zu versuchen, seine Frau nach Deutschland zu holen.

Trotz der arrangierten Ehe lernten sie sich, gerade einmal 18 Jahre alt, schnell lieben, doch mit 20 musste Mohammed seine Frau verlassen. Zum Glück durfte er sie wahrscheinlich zu sich holen. Er war überglücklich, doch jetzt machte er sich erst einmal auf den Weg zum Markt.
Er konnte jetzt schon gut Deutsch sprechen, sodass er sich verständigen konnte, doch immer noch wurde ihm von der Gesellschaft das Gefühl gegeben, dass er ein Flüchtling war. Er verstand das einfach nicht. Obwohl die Leute es doch schon gewöhnt sein müssten, Syrer wie ihn auf der Straße zu sehen, gingen manche von ihnen schnell an ihm vorbei oder schauten ihn schief an.

Doch seitdem er in Linden wohnte, passierte etwas in der Art höchstens alle zwei Wochen, denn die Menschen in Linden waren offener und der Großteil akzeptierte ihn einfach.
Er war froh, in diesem Stadtteil eine Wohnung gefunden zu haben. Auf dem Weg, sich den lang ersehnten Fernseher zu kaufen, kam er wie jeden Samstag am Kiosk um die Ecke vorbei. Hier kaufte er sich immer eine Packung Kaugummi, das war irgendwie zu einer Gewohnheit geworden. Nicht nur das Kaugummi bereitete ihm Freude, sondern auch der nette Smalltalk mit der Frau an der Kasse. Sie fragte ihn jedesmal, wie es ihm ginge und gab ihm das Gefühl, dass er nicht ganz alleine war. Dass es Leute gab, die ihn nicht wie einen Flüchtling behandelten.