Kapitel 3 Weg 2.1 – Mohammed

Mohammed wusste schon am Morgen, dass es ein stressiger Tag werden würde. Wie jeden Morgen wachte er von einem schlimmen Alptraum auf, der wie so oft von seinen Erlebnissen in Syrien gehandelt hatte. Doch der heutige Tag war noch stressiger als sonst, denn heute wurde entschieden, ob seine Frau nach Deutschland kommen durfte oder nicht.

Vielleicht wollte sie ihn gar nicht mehr haben? Ach egal, er wollte sich um diese Uhrzeit über so etwas keine Gedanken machen. Er rasierte sich mit seinem alten Rasierset, das er von seinem Opa geerbt hatte, den kleinen feinen Oberlippenbart, wobei er sich in seine zimtfarbene, leicht schuppige Haut schnitt. Er wischte das Blut, das sich in dem nur drei Quadratmeter großen Bad verteilt hatte, vom Fliesenboden auf.
Mit seinem neuen Wasserkocher machte er sich in seiner frisch renovierten Schlaf- und Wohnküche einen Tee und verbrannte sich dabei seine zarten Finger, die irgendwie nicht so recht zum Rest seines eher muskulösen Körpers passten. Doch das störte ihn nicht. Seine Erklärung für die langen und zarten Finger war, dass er jahrelang Klavier gespielt hatte.

Er schaltete das reparierte Radio aus Syrien an, eines der letzten Dinge, die ihn noch an die alte, schreckliche Zeit der Flucht und der Zeit im Kriegsgebiet erinnerten. Doch seit drei Monaten musste er für drei Jahre nicht mehr über Abschiebung nachdenken. Mit dieser positiven Entwicklung war ihm vorerst eine große Last von den Schultern genommen, aber hin und wieder dachte er trotzdem über seine Zukunft nach. Zum Beispiel darüber, was passieren würde, wenn diese drei Jahre abgelaufen waren. Würde er Asyl bekommen oder musste er zurück? Zum Glück hatte er den Job als Postbote, der ihm beim Deutschlernen und als Geldquelle eine echte Hilfe war.

Seit zwei Monaten hatte er endlich eine eigene Wohnung. Als er sie zuerst besichtigte, war diese noch eine richtige Bruchbude. Erst seit einer Woche wohnte er in der 1-Zimmer-Wohnung und war mehr als zufrieden. Endlich hatte er Privatsphäre und konnte sich sein eigenes Essen machen. Sein Lohn erlaubte es ihm sogar, von dem, was nicht für Wasser, Strom, Heizung, Miete und Lebensmittel draufging, noch ein paar neue Möbel zu kaufen.