Kapitel 2 Weg 2 – Sahra

Sahra wurde von Polizeisirenen geweckt. Sie fragte sich, ob es das fünfte oder das sechste Mal in diesem Monat war. Den heutigen Tag konnte sie nicht wie sonst mit ihrem guten Freund Malte verbringen, denn sie musste dieses Wochenende mal wieder zu ihrer Familie.

Nun waren schon drei Monate vergangen, und ihre Familie wollte noch immer nicht akzeptieren, dass sie jetzt mit Hans zusammen war. Sie ließen sich ständig etwas Neues einfallen, damit Sahra zu ihnen nach Braunschweig kam und sie sie davon überzeugen konnten, dass Hans nicht der Richtige für sie war und Sahra sich gefälligst einen kurdischen Mann aussuchen sollte.

Ja richtig, Sahra war kurdischer Abstammung, und obwohl sie hier in Deutschland geboren war und die kurdische Sprache nicht einmal sonderlich gut beherrschte, waren ihre Eltern fest dazu entschlossen, sie mit einem Kurden zu verheiraten. Dabei hatte sie ihnen doch schon tausendmal gesagt, dass sie die kurdischen Traditionen auch so nicht vernachlässigen würde. Hans als Person mochten die Eltern, ihr Problem war wohl eher, dass sie befürchteten, er würde sie „verdeutschen“.

In der Bäckerei war die Schlange mal wieder ewig lang, doch das Einzige was ihr noch durch den Kopf ging war, ob sie den Zug verpassen würde. Sie holte sich eine Brezel und machte sich auf den Weg zum Hauptbahnhof, wo sie beim Abbiegen an einem Kiosk einen Mann auf dem Boden liegen sah. Sie ging einfach weiter, denn momentan beschäftigte sie eher der Gedanke an die Diskussionen, die gleich mit ihrer Familie losgehen würden: „Du wirst unsere Kultur vernachlässigen!“, würde ihr Vater sagen und sie müsste wieder antworten: „Nein, werde ich nicht!“

Dann würde es weitergehen: „Du wirst meinen Enkeln nicht unsere Sprache beibringen können!“, und sie würde antworten: „Doch, das werde ich!“. Dann würde sich ihre Mutter einmischen: „Schrei deinen Vater nicht an, er hat Recht!“ Später würde sie probieren, zu Wort zu kommen: „Aber …“, doch ihr Vater würde sie unterbrechen und sagen: „NEIN, deine Mutter hat Recht, du hast keinen Respekt mehr vor deinen Eltern!“ Als nächstes würde eine peinliche Stille entstehen und sie würden wortlos essen.

Sie ging weiter, der Wind wehte und blies ihr die feuchte Luft, die von der Ihme kam, ins Gesicht und befeuchtete ihre dunklen Wimpern. Da erinnerte sie sich an ein Gedicht aus einer Broschüre:

„Deine Identität ist, was Du bist,
was dein Charakter ist,
was deine Merkmale sind,
was dich besonders macht,
was für Fähigkeiten du hast,
was du bist,
wie du bist,
was du kannst.“