Kapitel 8 Weg 1121111 – Schmetterlinge

Der Weg zum Izarro war kurz, im Prinzip höchstens 750 Meter. Trotzdem schien sich die Strecke endlos hinzuziehen, was aber wohl eher damit zu tun hatte, dass er immer langsamer wurde und schließlich ganz stehenblieb. Vielleicht war das jetzt auch eine echte Schnapsidee, wobei das ja gut zu einer Kneipe passte. Aber er musste immerzu an Paula denken, an diesen traumhaften Abend, der so unglaublich bescheuert geendet hatte.

Okay, er hatte es wirklich nicht gemerkt. Hatte nur in die moosgrün gesprenkelten Augen geblickt und gefühlt, wie es in seinem Bauch flatterte. Schmetterlinge! Hatte es kaum glauben können, als sie ihn noch auf einen Absacker zu sich eingeladen hatte. Fand ihre Jungenhaftigkeit genauso bezaubernd wie ihren trockenen Humor und ihr rauchiges Lachen. Als ihm dann klar wurde, dass er gerade engumschlungen mit einem Mann auf dem Sofa lag, war das der krasseste Filmschnitt seines Lebens gewesen. Er war aufgesprungen, hatte sein Hemd geschnappt und war ohne ein Wort aus der Wohnung gestürmt.

Er hatte sich betrogen gefühlt, war unglaublich wütend auf sie (ihn!) und auf sich und wünschte sich nichts mehr, als dass er gleich aufwachen und merken würde, dass das hier nur ein Alptraum war. Warum hatte Olaf ihn nicht gewarnt??? Noch mehr Wut, die aber bald verrauchte. Er hatte richtiggehend Angst gehabt, als er aus der Wohnung floh. Nicht vor Paula, wie ihm schnell klar wurde, sondern vor sich selbst, vor dem, was mit ihm hätte passieren können, wenn er geblieben wäre.

Und er hatte immer noch Angst. Weil er Paula einfach nicht aus seinem Kopf kriegte. Weil er gerne seinem Herzen folgen wollte und doch genau wusste, dass es um mehr als ihn und Paula ging. Wenn es ihm selbst schon so schwer fiel, sich einzugestehen, dass er sich möglicherweise in einen Mann (oder zumindest in jemanden, der körperlich ein Mann war), verlieben könnte – wie würden denn dann erst die anderen darauf reagieren? Sein Vater Mehedi, der inzwischen fast deutscher war als jeder Deutsche war, würde wahrscheinlich einen Schlaganfall bekommen. Er dachte an seine Mutter, die wie immer vermitteln, seinen Vater einen sturen Ziegenbock nennen und insgeheim weinen würde, weil sie sich schon auf Enkelkinder gefreut hatte. Und seine Kollegen im Dezernat Sitte, die bestenfalls darüber hinweggehen würden, wenn sie etwas davon mitbekamen. Wahrscheinlich würde er aber in Zukunft die Dusche nach dem Kampftraining für sich alleine haben, so weit ging es mit der Toleranz bei der Polizei dann doch nicht.

Er ging ein paar Schritte weiter. Andererseits: Warum sollte er nicht einfach machen, was er wollte? Er lebte schließlich nicht im Mittelalter, sondern in Linden. Hier gab es nicht nur Schwarz und Weiß. Okay, es war auch nicht immer kunterbunt, aber wenn er damit klarkam, dass er nicht genauso war und fühlte, wie er immer von sich gedacht hatte, konnten das andere auch. Jetzt ging es darum, nicht immer nur Offenheit zu predigen, sondern zu leben und vielleicht mal auf die Probe zu stellen, wie tolerant sein Stadtteil wirklich war.

Wahrscheinlich wollte Paula nach seinem Auftritt ohnehin nichts mehr mit ihm zu tun haben. Aber das würde er nie erfahren, wenn er wie festgewurzelt vor der Kneipentür verharrte. Mit klopfendem Herzen stieß er die Tür auf und ging zum Tresen, wo Paula gerade Gläser spülte. Sie sah ihn an: „Willst Du ein Bier?“ „Ja, aber erst nach Deinem Feierabend.“

Und Paula lächelte.