Kapitel 7 Weg 112111 – Selbstbestimmung

Langsam füllte sich die Kneipe. Klar, Heiko saß schon an seinem angestammten Platz und laberte wieder einmal Mist, wie immer. Warum gab es für den eigentlich keine Fernbedienung? Standby wäre eine echte Option… Olaf nippte an seiner Cola und sah Nadine und Paula zu, die hinter der Theke standen und Bier zapften. Vor einiger Zeit hatte er sich Heiko beim Rausgehen kurz gegriffen und gefragt, was das mit dem 'ErSieEs' sollte – wenn er Probleme mit dem Personal habe, solle er doch einfach wegbleiben. Vermissen würde ihn ohnehin keiner. Genützt hatte das natürlich nichts, der Typ war nun mal merkbefreit.

Paula wirkte abgespannt. Seit sie vor fünf Jahren aus Frankfurt hergezogen war – „Ich hatte die Szene dort einfach satt, ich musste da raus“ – waren sie befreundet. Kennengelernt hatten sie sich im Tango Milieu, Olaf hatte sich seinem damaligen Freund zuliebe durch einen Tanzkurs gequält und stand mit schmerzenden Füßen an der Bar, als sie hereinkam und sich suchend umschaute. Wie er später erfuhr, war ihr Blind Date nicht erschienen, stattdessen kam sie rüber an die Bar und sie waren ins Gespräch gekommen. Mittlerweile wussten sie viel voneinander. Paula hatte ihm durch die Trennung von Piet geholfen, der nicht verstand, dass Olaf ihm gegenüber in der Öffentlichkeit zurückhaltend war und sagte, dass er nicht mit einem Schrankschwulen zusammen sein wollte. Aber so war das gar nicht! Er mochte es einfach nicht, vor anderen zu knutschen, dieses Posing kannte er zur Genüge aus der hannoverschen Schwulenszene. Außerdem hatte er Piet sogar mit zur Kripo-Weihnachtsfeier genommen – mehr Coming-out konnte er als Polizist doch gar nicht leben! Irgendwie hatte das aber nicht gereicht und Piet war schon lange Geschichte, zumindest sagte er sich das selbst immer wieder. Auf jeden Fall war Paula für ihn dagewesen, und dass hatte die beiden eng zusammengeschweißt.

Einmal hatte er sie gefragt, warum sie sich nicht operieren hatte lassen, um sich mehr als Frau fühlen zu können. „Warum sollte ich mich denn mehr als Frau fühlen, wenn mein Körper mehr denn Normen entspräche? Meine Eltern haben nach der Geburt mein Geschlecht für mich festgelegt, sie wussten es einfach nicht besser und die Ärzte haben sie richtiggehend dahin gedrängt. Ich kann mich noch gut an die späteren Operationen erinnern und ich habe mir geschworen, auf keinen Fall noch mehr an mir herumschneiden zu lassen oder fiese Hormonkuren zu machen. Außerdem geht es doch gar nicht darum. Ich will einfach selbst bestimmen können, wer ich bin. Solange Leute Uneindeutigkeit nicht akzeptieren können, sondern alles in bestimmte Schubladen stecken müssen, ändert sich nichts.“

Damit hatte Paula natürlich recht. Sie war extra von der Südstadt nach Linden gezogen, weil sie sich erhofft hatte, hier freier und vor allen Dingen selbstbestimmter leben zu können. Seit der Sache mit Azaz war sie aber total angefressen und fand Linden unerträglich pseudoaufgeklärt. Olaf verstand das, aber er sah es schon anders. Natürlich gab es hier wie überall ignorante und oberflächliche Menschen. Aber auf der anderen Seite bot Linden echte Freiräume, nicht einfach nur Nischen. Der Stadtteil war deutlich politisierter und entspannter als viele andere Gegenden Hannovers. Man fühlte sich nicht nur sicher, sondern bis zu einem gewissen Grad selbstverständlich. Klar war da gesellschaftlich noch Luft nach oben, aber er hatte in Linden schon das Gefühl, dass sich das Zusammenleben dynamischer gestaltete als anderswo – und dass er Einfluss darauf nehmen konnte, wenn er wollte.

Wieder fiel ihm sein Kollege Azaz ein. Sie mochten sich, machten auch in der Freizeit mal etwas miteinander. Und obwohl Azaz sich ganz klar als heterosexueller Mann verortete, sah er alternative geschlechtliche Orientierungen als vollkommen normal und gegeben an. Deshalb hatte sich Olaf auch nichts dabei gedacht, als er, Paula und Azaz neulich zusammen zum Situation Leclerq-Konzert gegangen waren. Die beiden hatten sich auch auf Anhieb gut verstanden und geflirtet, was das Zeug hielt. Es hatte Olaf nicht wirklich gewundert, als die beiden sich nach dem Konzert abgeseilt hatten. Allerdings war der weitere Abend für die beiden dann wohl nicht so gut gelaufen und Paula seitdem völlig durch den Wind. War wohl doch keine so gute Idee gewesen, mit den beiden loszuziehen…