Kapitel 6 Weg 11211 – Nur Spaß

Nadine schloss die Tür zum Izarro auf. Der Geruch nach kaltem Rauch und abgestandenem Bier schlug ihr entgegen und sie rümpfte die Nase. Und das nannte sich nun Sonntag! Erst mal lüften… Immerhin hatten die KollegInnen gestern Nacht noch aufgeräumt und sie musste nur noch die Espressomaschine vorglühen lassen und checken, wie viel Bier noch im Thekenfass war. Außerdem würde Paula auch gleich kommen und das hieß, dass es heute nicht so super stressig werden würde – Paula und sie waren ein gutes Team.

Gedankenverloren holte sie saubere Gläser aus der Spülmaschine und rieb sie blank. Paula… Vier Jahre kannten sie sich mittlerweile, wobei ‚kennen’ wahrscheinlich zuviel gesagt war. Vor ein paar Monaten hatten sie nach Kneipenschluss noch zusammengesessen. Paula war zitterig gewesen, was daran lag, dass Heiko, ein ohnehin nerviger Stammkunde, einfach unglaublich dämlich war. „Hey, ErSieEs, machst Du uns noch ein Bier?“ Nadine wäre ihm liebsten an die Gurgel gefahren, aber Paula hatte die blöde Bemerkung scheinbar ungerührt mit einem „Mal sehen, ob das noch in meinen Terminkalender passt“, gekontert. Trotzdem hatte Nadine ein ungutes Gefühl und es schien ihr, als sei Paula, die ohnehin helle Haut hatte, noch eine Spur blasser geworden.

Beim Aufräumen hatte sie Paula daraufhin angesprochen, und zu ihrer Verwunderung winkte diese nicht gleich ab. „Ja, manchmal macht das schon noch etwas mit mir. Ich weiß, dass der Typ einfach nur witzig sein wollte, aber trotzdem. Naja, wenn er ‚Paul’ zu mir gesagt hätte, hätte mich das wahrscheinlich noch mehr getroffen. Ist halt immer stimmungsabhängig.“ „Passiert das eigentlich oft?“ „Dass Leute sich darauf beziehen, dass ich in puncto Geschlecht ‚uneindeutig’ bin? Nicht wirklich. Das ist ja einer der Vorteile in Linden – hier gibt es noch viel schrillere Gestalten als mich.“ Paula lacht auf, vielleicht ein bisschen bitter. „Weißt Du, ich würde halt gerne einfach als Mensch wahrgenommen, den man deswegen mag oder nicht mag, weil er nett oder unnett ist. Hier in Linden laufe ich zwar nicht immer Gefahr, von irgendwelchen Transphoben zusammengeschlagen zu werden. Aber ich habe trotzdem immer das Gefühl von Duldung, laissez-faire eben, aber echte Akzeptanz sieht anders aus. Dafür müssten sich Leute mit dem Thema auseinandersetzen und das findet auch in diesem Multi-Kulti-PC-Alternativ-Stadtteil nicht statt. Dass Indifferenz nichts mit Toleranz zu tun hat, ist den meisten hier nicht klar.“

Nadine musste schlucken. So müde und resigniert hatte sie Paula noch nie erlebt – und leider hatte die ja recht. Sie selber hatte tatsächlich eine Weile gebraucht, um zu merken, dass Paula nicht nur androgyn wirkte, sondern es auch war. Und weil Paula immer so cool und selbstverständlich auftrat, hatte sie sich ehrlich gesagt auch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht. War das falsch? War sie auch einfach gleichgültig? Auf jeden Fall nahm sie sich fest vor, Heiko oder sonstwem, der blöde Sprüche zu sexueller Identität machen sollte, einen Schuss vor den Bug zu geben.