Kapitel 5 Weg 1121 – Kiez

Mit einem üblen Geschmack im Mund wachte Paula auf. So schnell ihr dröhnender Kopf es zuließ, schwang sie die Beine aus dem Bett. Scheiße, sie hätte gestern einfach beim Bier bleiben sollen, statt in der Disco noch etwas einzuwerfen. Der pochende Schmerz in den Schläfen ging ja noch, aber sie konnte sich nur noch bruchstückhaft daran erinnern, was sie eigentlich so gemacht hatte, bevor sie vollkommen fertig ins Bett fiel. Gut hatte sie sich gefühlt, nachdem sie und Lindsey auf dem Damenklo E genommen hatten. Lindsey hatte aufgeregt gekichert und ihr von Malte vorgeschwärmt. Da lief scheinbar was, aber Azaz, ihr großer Bruder, war auch da und das nervte nicht nur Lindsey, sondern auch Paula. Eigentlich fand sie Azaz toll, aber die peinliche Szene, als sie sich vor ein paar Monaten nähergekommen waren, würde sie noch eine ganze Weile nicht vergessen. Aber nicht nur deshalb grübelte sie angestrengt darüber nach, was gestern genau passiert war. Wie gesagt, sie hatte sich gut gefühlt, leicht, hellwach und irgendwie esoterisch. Und wie immer war der Laden voll gewesen, jede Menge bekannter Gesichter. Hatte sie sich danebenbenommen?

Ihr Job im Izarro brachte es mit sich, dass sie viele Leute oberflächlich kannte. Fünf Abende die Woche stand sie hinterm Tresen, weil sich ihre berufliche Selbstständigkeit einfach nicht auszahlte, zumindest nicht finanziell. Die Arbeit war okay, aber mittlerweile hatte sie ein ausgeprägtes Bunter-Hund-Gefühl, wenn sie tagsüber durch Linden ging. Alle zehn Meter wurde sie gegrüßt und nie fühlte sie sich unbeobachtet. Andererseits fühlte sie sich auch so gut wie nie wirklich beachtet, sie war scheinbar nur ein Teil im Linden-Morast, wo jeder jede kannte und daraus eine Zusammengehörigkeit ableitete, die es in Wirklichkeit nicht gab. Man wohnte im selben Stadtteil, mehr in der Regel aber auch nicht. Manchmal nervte das Paula richtig, nirgendwo konnte man hingehen, ohne sofort 'erkannt' zu werden. Die meisten Leute fanden das toll, dieses Kiez-Gefühl, aber sie wäre gerne auch mal für sich gewesen, hätte gerne mehr echte Anonymität anstelle oberflächlicher Verbundenheit. Hatte das eigentlich nur mit ihrer Geschichte zu tun, oder ging es anderen auch so?

Halb 12. Sie seufzte und trottete ins Badezimmer. Um 13 Uhr begann ihre Thekenschicht, am Nachmittag spielte 96 und das hieß, dass es wie immer rappelvoll in der Sportkneipe sein würde. Immerhin arbeitete sie heute mit Nadine zusammen, deren lautes Lachen und unkomplizierte Art sie definitiv auf andere Gedanken bringen würden. Immer noch müde stieg sie unter die Dusche.