Kapitel 9 Weg 11111111 – Mensch

Der Satz schwirrte Malte immer wieder durch den Kopf. Der kleinste gemeinsame Nenner von ihm und den anderen: Mensch sein.
Es gibt verschiedene Menschen. Viele verschiedene. Er mag diese Vielfältigkeit, dieses bunte, pulsierende, ständig Neues Schaffende.
Andererseits war er manchmal schon froh zu wissen, dass es eine Konstante gab, die ihn im Alltag umhüllte. War er deshalb spießig?
Er schaute Lindsey an. Sie sah aus, als könne sie ihn verstehen. Durch das, was sie erlebt hatte, im gleichen Land, aber doch irgendwie in einer anderen Welt. Aber jetzt saßen sie hier. Zusammen als zwei Menschen, die einander achteten und sich gegenseitig Respekt zollten.
„Ich finde, Menschsein kann man in Linden ganz gut“, sagte er und schaute sie dabei verträumt an. Lindsey nickte, und ihre Locken umrahmten ihr hübsches Gesicht wie ein kleines Feuerwerk.
Sie lächelte ihn an und prostete ihm zu, hielt dann aber inne und trank doch nicht. Malte guckte sie gespannt an und tat es ihr gleich.
„Ich glaube, ich mag dich“, sagte Lindsey. „Dich als Mensch. Nicht wegen deiner Herkunft, deiner Hautfarbe, deiner Religion oder Sprache. Du bist du und ich genieße es, jemand bei mir zu haben, der so aufrichtig ist und weiß, wo er hingehört. Unabhängig von all den Dingen, die ich gerade gesagt hab.“
Sie errötete, als Malte einen Moment länger als nötig Blickkontakt hielt. So hatte er das noch nicht gesehen. Er wurde auch rot. Sie meinte eben, dass sie ihn mochte?
Er schaute sie verschmitzt an. „Ich bin kein Ausländer. Ich bin aus Linden.“ Beide lächelten, und sie küssten sich.
Die Leute liefen vorbei, sie kümmerten sich um sich selbst, und Malte fühlte sich zum ersten Mal seit langem wieder zu Hause. In Hannover Linden. Bei Lindsey. An der Limmerstraße, einer Welt für sich. Einem kleinen Paralleluniversum. Vielleicht wurde es irgendwann einmal größer.
Lindsey prostete Malte noch einmal zu. „Auf das Menschsein!“ Ihre Flaschen klirrten. „Auf uns!“