Kapitel 8 Weg 1111111 – Deutsch?

Einige Wochen vergingen in denen sich Lindsey und Malte hin und wieder trafen. Sie genossen die Zeit zusammen, gingen Essen, ins Kino, tranken ein Bier an der Ihme und unterhielten sich über Gott und die Welt.
„Sag mal Lindsey“, fragte Malte eines Abends, als sie sich wieder einmal spontan zum Limmern trafen (beim Limmern trifft man sich abends auf der Limmerstraße – der Haupteinkaufs- und Flaniermeile in Linden – kauft sich ein Kaltgetränk an einem der vielen Kioske und setzt sich auf die nächstmögliche Sitzgelegenheit, egal ob Schaufenster, Parkbank oder einfach auf den Boden).
„Wo fühlst du dich eigentlich zugehörig?“
„Was meinst du?“
„Na welchem Land, welcher Religion oder welcher Kultur?“
„Hmm.. naja, also meine Eltern kommen aus Syrien, wir leben auch zu Hause größtenteils die arabische Kultur, kochen arabisch – oh ich liebe Lahma b ajin – das sind Teigtaschen gefüllt mit leicht scharfem Hackfleisch. Mmh, köstlich! Ich spreche auch arabisch, zwar nicht perfekt, aber ich kann’s. Zu Hause sprechen wir einen Mix aus beiden Sprachen, deutsch und arabisch. Ja, und mit der Religion ist das so eine Sache. Ich glaube an Allah, aber irgendwie auch nicht, naja, und ’n Kopftuch trage ich schon gar nicht, das siehst du ja.“ Lindsey wirbelt ihre Locken durch die Luft.
„Ich bete nicht, und Alkohol trinke ich auch, wie du weißt.“ Sie hob ihr Bier und prostete Malte zu. Dieser lachte.
„Meine Eltern haben uns eigentlich genauso großgezogen wie alle anderen auch. So an sich habe ich nie einen Unterschied zwischen mir und den anderen Kindern gesehen. Die aber schon. Für einige sind Araber, Türken und Kurden alle gleich. Manche kennen noch nicht einmal den Unterschied. Für die sind wir alle Muslime, die zu Hause streng nach dem Koran leben und erstmal integriert werden müssen. Was bedeutet eigentlich Integration?“
„Ja, das ist eine gute Frage! Muss jemand wie ich integriert werden, oder bin ich ein gutes Beispiel für Integration, obwohl ich hier in Deutschland geboren und mit deutschen Werten aufgewachsen bin? Obwohl Deutsch meine Erstsprache ist? Ist allein meine Hautfarbe schon ein Zeichen dafür, dass ich „Ausländer“ bin? Ich meine, dabei heiße ich sogar Malte Koch, habe mein Abitur an einem Gymnasium gemacht, beende bald meine Ausbildung und bin in Dessau geboren. Ach, und ich liebe Klöße mit Rotkohl und Braten! Hallo? Deutscher geht es doch nicht mehr, oder?“
Lindsey lachte. „Ach, was bedeutet es schon, deutsch zu sein? Wie ist denn der oder die Deutsche? Ich finde es schön, dass sich die Welt immer mehr mischt, dass sie bunter wird. Klar müssen Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelten, und auch die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber wenn man einen gesunden Menschenverstand hat, dann lebt man sowieso nach diesen Werten, ganz egal, wo auf dieser Welt.“
„Trotzdem können wir Menschen viel voneinander lernen, von Kultur zu Kultur. Und es ist irgendwie schon wichtig, die eigene Kultur beizubehalten und nicht zu verlieren. Sie gibt einem Halt und eine Orientierung, sie kann Liebe geben, aber auch einengen und freiheitsberaubend sein.“ „Richtig. Und ich meine, wenn du hier in Linden in den Kindergarten schaust, da sagt keiner mehr, hey, du siehst aber komisch aus, du bist ja gar nicht deutsch“.
“Genau“, sagte Malte.
„Und mal angenommen, wir beiden bekämen ein Kind, was soll das denn sagen, wenn jemand fragt woher kommst du?“
„Genau, irgendwann sind wir hoffentlich alle einfach nur Mensch.“