Kapitel 7 Weg 111111 – Aus Dessau

Etwas aufgeregt näherte sich Malte dem Küchengarten, Lindsey stand schon dort. Ihre wilden, leicht rötlichen Locken leuchteten in der Sonne.
„Wow, auf die Minute genau! Ich dachte, ihr Afrikaner seid immer zu spät.“
Lindsey lachte und breitete ihre Arme aus, um ihn kräftig zu drücken.
„Und ich dachte, syrische Mädchen müssten um diese Uhrzeit zu Hause sein.“
„Punkt für dich.“
Lindsey hakte sich bei ihm ein und gemeinsam schlenderten sie zum Fährmannsfest. Dort angekommen, wurde es langsam dunkel und die Lichter gingen an. Alles funkelte und spiegelte sich im Wasser der Ihme. Es war eine ausgelassene Stimmung, eine Band spielte, Menschen lachten und tranken Bier.
„Komm, gleich spielt eine Reggae-Band, das sind Freunde von mir. Die Musik hörst du doch, oder?“
„Naja… eigentlich stehe ich eher auf elektronische Beats. Aber ja, Reggae ist auch nicht schlecht.“
Zufrieden zog Lindsey ihn hinter sich her in Richtung Bühne. Er mochte sie, ihre quirlige Art, ihre Locken, ihr Lachen.
„Malte, ich möchte dir einen Freund von mir vorstellen. Das ist Hamed, er kommt von der Elfenbeinküste.“
„Hey, my brother, schön, dich kennenzulernen. Wo kommst du denn her?“
„Aus Dessau.“
„Ach so, okay, und woher kommst du ursprünglich?“
„Ich bin in Dessau geboren.”
„Ach so ja, hmm, und deine Eltern?“
„Mein Vater ist in Ghana geboren, aber schon als Kind von deutschen Eltern adoptiert worden, meine Mutter ist halb deutsch, halb Senegalesin, aber in Deutschland geboren.“
„Ah, deswegen auch der Name Malte!“
Zufrieden nickte Hamed. Malte hasste es, ständig Menschen seine Lebensgeschichte auftischen zu müssen, nur weil er nicht „typisch deutsch“ aussah. Warum reichte es nicht aus, wenn er sagte, er sei deutsch? Er selbst war noch nie in Afrika gewesen und zu Hause wuchs er wie jedes andere deutsche Kind auf. Sein ganzes Leben versuchte er, irgendwie dazuzugehören, aber er passte in keine Schublade. Besonders in Dessau war es schwer, dort war er häufig der Einzige im Raum gewesen, der eine dunkle Hautfarbe hatte. Er hatte viele Freunde dort, die er wirklich schätzte, und die für ihn da waren. Trotzdem fühlte er sich immer irgendwie anders. Egal wo er war, er fiel auf und war „der Afrikaner“.
Kaum ertönten die ersten Reggae-Töne, wurde ihm auch schon Gras angeboten.
„Nee danke, ich rauche nicht.“
Verwirrt schaute Hamed ihn an. Malte zwang sich, höflich zu lächeln und begann, sich zur Musik zu bewegen. Etwas steif, Tanzen war eigentlich auch nicht so wirklich sein Ding, schon gar nicht zu so einer Musik. Lindsey hüpfte neben ihm fröhlich auf und ab und ihre Locken wirbelten umher. Sie tanzten eine Weile ausgelassen zusammen, lachten viel und er genoss Lindseys fast beiläufige Berührungen.