Kapitel 3 Weg 12 – Gemeinsamkeiten

„Wieso trägst du einen amerikanischen Namen?“, fragt Malte. Sie sind nach draußen gegangen, frische Luft schnappen.
„Wieso kommst du aus Dessau?“, gibt Lindsey zurück. Sie sitzen auf der Treppe am Hintereingang. Drinnen tanzen Paola, ihr Bruder und seine Freunde weiter. Malte grinst. „Punkt für dich.“
„Meine Eltern waren damals dankbar, dass der Westen sie aufgenommen hat“, sagt Lindsey plötzlich. Sie schaut in den sternenübersäten Himmel. In ihrer Stimme liegt eine Art Echo, als wäre sie sowohl da als auch weg, in der Nacht unterwegs; als schwebe sie eigentlich über der Disko und den anderen Dingen. „Als sie herkamen, haben sie zunächst alle amerikanischen Filme geschaut, die sie fanden.“
Dieses Echo, überlegt Malte, kommt mir so vertraut vor. Diese Dehnung in ihrer Stimme, die alles in eine andere Dimension setzt, in eine existenzielle, universelle sogar. Wir haben uns noch nie vorher gesehen und doch weiß ich, wovon sie spricht. Oder ich täusche mich, und es liegt am Bier – oder an der Luft, die so frisch und klar ist, dass einem schwindelig davon wird? Aber was ist, wenn es auch an uns selbst liegt? Kann einer das Echo des anderen sein?
„Ich weiß vielleicht, was du meinst“, flüstert Malte. „Man trägt seine Eltern immer auf seinen Schultern, irgendwie… Sogar seine Großeltern…“ Lindsey dreht ihm ihr Gesicht zu. Sie hat geschminkte Augen, doch die Wärme im Club hat die Farbe verlaufen lassen. Was labere ich bloß für einen Quatsch?, denkt Malte erschrocken.
„So ist das“, nickt Lindsey. Sie räuspert sich und ihre Stimme wird auf einmal tief und voll: „Als Migrantenkind hat man…“ Malte vollendet gemeinsam mit ihr den Satz: „…Verantwortung!“
Ihr Lächeln glitzert in der Frühlingsnacht.
„Sei froh, dass du nicht vollständig nach der Kanzlerin getauft wurdest“, sagt Malte. „Wie jenes Flüchtlingsbaby aus Syrien, das nun sein Leben lang mit dem zweiten Vornamen Merkel leben muss. Als Mädchen. Wie hättest du das erst gefunden?“
„Vielleicht taufe ich mein Baby später auch so. Warum nicht? Oder Andrea Nahles.“
„Wieso Nahles?“
„Fändest du Martin Schulz für ein Mädchen besser?“
Malte lacht laut. „Du bist ziemlich verrückt, Lindsey, weißt du das?“
„Och, mein Bruder dürfte es schon ein- oder zweimal erwähnt haben.“
„Mein Kind würde ich allerhöchstens Barack nennen…“
Die Tür der Diskothek geht auf, Azads Blicke suchen die Umgebung ab. Als er die beiden auf den Stufen entdeckt, wirken seine Gesichtszüge mürrisch.
„Schwester, mein Kopf dröhnt, ich muss nach Hause. Soll ich dich mitnehmen oder willst du mit deiner neuen Bekanntschaft hierbleiben?“