Kapitel 2 Weg 1 – Malte

Malte hatte das Feiern satt. Nicht das Feiern an sich, sondern dort ständig nach Gras gefragt zu werden. Er vermisste seine Freunde in Dessau, sein altes Leben, wo er so viele Leute gekannt hatte, zumindest vom Sehen, und wo noch mehr Leute ihn kannten. In Hannover musste er sich erst einfinden.
Am Abend zuvor war er mit einem Typ aus seiner Ausbildung in den Club gegangen, doch der Kumpel ließ ihn da drin allein. Also stand er mit seinem Bier eine ganze Weile neben der Bar. Malte bekam mit, wie die Beats schneller wurden, die Tanzfläche sich mit Menschen füllte, es war, als erweckte ein riesiger Organismus zum Leben. Laserlicht warf pulsierende Farbe auf die Menschen. „Wie kann man mitten in diesem Trubel so einsam sein?“, dachte Malte.
Doch gerade da kam eine junge Frau ihm näher. Sie war verdammt gutaussehend und trug ein knappes rotes Kleid. Sie zwinkerte ihm zu. Malte drehte sich um, aber hinter ihm war niemand. Die Frau lächelte und tätschelte seinen Arm, dann flüsterte sie ihm verführerisch ins Ohr: „Hast du was für mich?“
Malte machte einen Schritt nach hinten. Es geschah von selbst, als hätte er eine aufs Maul bekommen. Wieso konnte er sich nie daran gewöhnen? Er verfluchte seine schwarze Haut, obwohl er wusste, dass es nicht richtig war. Dass nicht er, sondern die Frau etwas falsch gemacht hatte. Aber warum fühlte es sich an, als wäre es andersherum gewesen?
Malte lächelte angestrengt. „Nein“, sagte er. „Du musst mich verwechseln.“ Er sah, wie sich Enttäuschung bei der hübschen Frau breit machte. „Komm schon!“, schmollte sie fast. Malte entriss sich ihrer Berührung und trat auf die Tanzfläche.
Das Bier zeigte plötzlich seine Wirkung. Er begann mitzutanzen. Malte mochte Tanzen, die fließenden Bewegungen, als würde man in der Luft schwimmen. Er fing den Rhythmus selbstvergessen ein. Nach einer Weile ging es ihm besser. Er registrierte, dass er mit zwei Frauen in einem kleinen Kreis tanzte; eine hielt ihre Augen geschlossen, wie er es vorher auch getan hatte.
Sie heiß Lindsey, die andere Paola. Sie waren beide hübsch, nur vielleicht nicht auf klassische Art. Weil sie besonders lebhaft tanzten, wurden sie ständig angesprochen. Gerade Paola, die aus Südamerika stammte, wurde anfangs aggressiv angebaggert. Lindsey war ihr zu Hilfe gekommen. Malte hatte so gleichzeitig wie selbstverständlich zu ihnen gefunden. Seitdem wehrten sie sich zu dritt, wenn jemand ihnen massiv zu nahe kam, indem sie einfach zusammenhielten und weitertanzten. Malte stand noch immer unter dem Einfluss des Biers, das war ihm bewusst, doch er fühlte sich in diesem Kreis der Schwächeren gut aufgehoben. Obwohl sie fast kein Wort dabei wechselten, durchströmte ihn – Gott allein wusste warum – ein Gefühl des Glücks. Lindsey grinste ihn an, als hätte sie seine Gedanken erraten.
Gegen ein Uhr sah Malte einen Mann, der sich gerade einen Weg durch die Menschenmenge bahnte. Malte erkannte den Mann: Erst heute Morgen hatte er ihn in der Bäckerei gesehen. Es war Azaz, der Polizist aus Linden. „Nicht schon wieder“, schoss es Malte plötzlich durch den Kopf, „bitte Gott, lass nicht auch ihn mich verdächtigen!“ Azaz trug keine Uniform, offenbar war er in Zivil unterwegs. Vielleicht hatte er seinen „Vorfall“ mit der Frau im roten Kleid mitbekommen? Azaz kam direkt auf die Gruppe zu. Malte schloss seine Augen. „Hallo, Schwester“, hörte er es neben sich ertönen. Als Malte die Augen öffnete, umarmte Azaz Lindsey flüchtig.