Kapitel 10 Weg 321111111 – Leere Schubladen

Paolo war sich nicht sicher, was Fatma von ihm erwartete. Er hatte schließlich überhaupt keine Vorurteile! Sie wartete kurz auf eine Antwort, zuckte dann mit den Schultern und sprach weiter: „Falls Du nicht weißt, was ich meine, dann denk einfach mal an Deine Reaktion auf Nihal. Er geht in meine Jahrgangsstufe und wir waren eine Zeitlang zusammen – deshalb hat er uns im Tango Milieu angesprochen und mir angeboten, mich nach Hause zu bringen. Du hättest Dein Gesicht sehen sollen! Oh Gott, das ist bestimmt ihr großer Bruder oder Cousin! Ehrenmord! Zwangsheirat! Türkische Mafia! Das sind echte Scheißklischees – und sie sind nicht einmal originell.“

An dieser Stelle unterbrach Paolo sie: „Stopp, das war nicht so gemeint, aber ich kannte Dich doch noch gar nicht richtig!“ „Eben! Und trotzdem hast Du genau das gesehen, was Du sehen wolltest. Du hast mich in eine sehr staubige Schublade gesteckt – und das mag ich gar nicht. Im Gegensatz zu meinen Eltern früher erlebe ich hier in Linden sehr wenig Diskriminierung, wobei die auch ins Gegenteil umschlagen kann, was ich noch ätzender finde. Positive Diskriminierung kann ich viel schlechter bekämpfen, weil die Leute es ja ‚gut meinen’.“

Sie schüttelte sich. „Mir geht es darum, ich sein zu können und nicht ständig auf irgendetwas festgelegt zu werden, weil meine Eltern aus der Türkei stammen. Das ist einfach unerträglich, egal, aus welcher Richtung es kommt. Warum sollte es bei mir besonderer sein, wenn ich eine gute Schülerin bin, als bei meinen MitschülerInnen ohne Migrationshintergrund? Warum muss ich ständig hören, wie gut ich deutsch spreche? Ich bin eben in Deutschland geboren und mit Büchern aufgewachsen – warum sollte ich also schlechter sprechen als andere MuttersprachlerInnen? Und warum hat ein Junge, mit dem ich ausgehe, Angst vor potenziellen familiären Konflikten? Hättest Du auch dann Angst gehabt, wenn ich blond wäre und Marie hieße?“

Paolo, sichtlich errötet, wurde bei dem, was Fatma als nächstes sagte, fast feuerrot: „Deine Eltern stammen aus Spanien. Stell Dir mal vor, dass ich deswegen annähme, dass Du ein Draufgänger bist und gleichzeitig so erzkatholisch, dass Du ein Mädchen, dass vor der Ehe mit Dir ins Bett geht, im Nachhinein als verworfen siehst. Oder dass für mich sonnenklar ist, dass Du toll im Bett bist, weil alle Spanier feurige Liebhaber sind. Fändest Du das gut?“

„Nein“, brummte Paolo beschämt. „Das ist doch schon was“, seufzte Fatma. „Also, wenn es für Dich kein allzugroßer Kulturschock ist, etwas mit einem türkischstämmigen Mädchen zu unternehmen, das selbstbestimmt leben möchte, könnte ich mir ja schnell etwas anderes anziehen und wir machen noch einen Zug um die Häuser.“ Kurz darauf standen sie an der Wohnungstür und Fatma nahm Paolos Hand, auf ihrem Gesicht dieses spöttische Lächeln, das ihn immer aufs Neue verzauberte. „Startklar? Oder möchtest Du Dich erst noch von meinen Eltern verabschieden?“