Kapitel 9 Weg 32111111 – Anders als gedacht

Verdutzt blickte Paolo Fatma an. Was meinte sie denn damit? Fatma setzte sich auf ihr Sofa und klopfte einladend auf den freien Platz neben sich. „Komm schon, oder willst Du den ganzen Abend fluchtbereit an der Tür stehen?“ Zögernd setzte auch er sich.

„Okay, Paolo, ich wollte gerne mit Dir über vorgestern Abend reden. Ich glaube, Du hast da so einiges falsch verstanden.“ Er blickte sie nur stumm an. „Weißt Du, ich mag Dich, aber ich hätte nicht gedacht, dass jemand, der selber aus einer Migrantenfamilie stammt, derart viele Klischees mit sich rumträgt.“ Er wollte aufbegehren, aber sie hob die Hand. „Moment noch. Ich möchte Dir etwas über mich erzählen, auch wenn Du zu glauben scheinst, dass Du alles Wichtige schon weißt.

Als wir im Tango Milieu waren und ich keinen Wein trinken wolltest, hast Du das sofort darauf geschoben, dass ich Muslima bin und keinen Alkohol trinken darf. Tatsache ist, dass ich religionslos bin. Mein Vater stammt aus der armenisch-apostolischen Kirche, meine Mutter wurde griechisch-orthodox getauft. Obwohl sich beide in der Türkei nicht religiös betätigten, brachte ihre Religionszugehörigkeit erhebliche Nachteile mit sich. Unter anderem deshalb entschlossen sie sich dazu, nach Deutschland auszuwandern.“

Sie machte eine kurze Pause, dachte nach. „Sie hatten es anfangs nicht einfach. Obwohl beide das türkische Abitur und eine gute Ausbildung gemacht hatten und sich sehr darum bemühten, die deutsche Sprache so schnell wie möglich zu erlernen, fand mein Vater immer nur Gelegenheitsjobs und war lange Zeit arbeitslos. Wurde in einer Firma Personal abgebaut, gehörte er immer zu den Ersten, die gehen mussten. Schließlich landete er in einem kleinen Handwerksbetrieb für Metalltechnik und machte berufsbegleitend seinen Meister. Weil damit gesichert war, dass sie in Deutschland bleiben konnten und er genug verdiente, konnte meine Mutter Grundschullehramt studieren und ist seit langem Lehrerin an der Grundschule Lindener Markt.“

Wieder eine kurze Pause. „So viel zu meinen Eltern. Die beiden haben sich übrigens sehr früh dafür entschieden, nach Linden zu ziehen, weil dies ein Stadtteil ist, der über einen hohen Anteil an MigrantInnen verfügt und ihnen eine Form von Integration ohne allgegenwärtigen Leitkulturzwang bot und bietet. Die Negativerfahrungen in puncto Diskriminierung halten sich in Grenzen… in Linden kann man gut leben, auch wenn man keinen deutschen Stammbaum hat, der über Jahrhunderte zurückreicht.“

Sie hob den Blick, fixierte Paolo. „Irgendwie ist es doch ganz schön traurig, dass junge Leute wie wir immer noch uralte Vorurteile im Kopf haben, findest Du nicht?“