Kapitel 7 Weg 321111 – Verantwortung

Leise pfeifend schloss Mathias Hickel den Seminarraum auf. In einer Stunde würde der Fortgeschrittenen-Deutschkurs beginnen. Diesmal würde er sich dabei allerdings im Hintergrund halten, weil Fatma den LehrerInnen-Part übernahm. Eigentlich komisch, dass sie noch nicht da war, sie kam sonst immer sehr früh, um sich vorzubereiten und einen Kaffee mit ihm zu trinken bevor der Unterricht anfing.

Lächelnd dachte er an seine Lieblingskollegin bei gEMiDe. Fatma war zwar noch ziemlich jung, aber eine echte Stütze für ihn und den Verein. Im Sommer würde sie ihr Abitur an der IGS Linden machen und wollte anschließend Sozialpädagogik studieren. Wahrscheinlich in Hannover, was hieß, dass sie auch weiterhin zusammenarbeiten würden. Fatma war unglaublich zielstrebig, ganz anders als seine Tochter Amelie. Immer Bestnoten, klare Zukunftsvorstellungen und gleichzeitig extrem engagiert und offen – ein tolles Mädchen. „Frau“, korrigierte sich Mathias, schließlich war sie 18 und kein kleines Kind mehr. Anfangs war er eher kritisch gewesen, als sie vor zwei Jahren aufgetaucht war und ihr Interesse signalisiert hatte, ehrenamtlich Deutschkurse für AusländerInnen zu geben. Die SchülerInnen bei gEMiDe brauchten Kontinuität in Bezug auf die Lehrenden – und so junge Menschen wie Fatma hatten tausend Dinge im Kopf und mussten sich erst ausprobieren. Wie schnell sich in diesem Alter scheinbar felsenfeste Pläne in Rauch auflösten, hatte er zur Genüge bei Amelie beobachten können.

Und Linden bot darüber hinaus jede Menge Möglichkeiten, sich zu engagieren und selbst zu verwirklichen… es gab so viele Gruppen, die tolle Dinge im gesellschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Bereich auf die Beine stellten. Als Jugendlicher hätte er selbst sich wahrscheinlich eher für Zusammenhänge wie Linden Legendz entschieden, für Gruppen mit hohem Spaßfaktor. Fatma war offensichtlich anders, und er freute sich aufrichtig darüber, dass sie sich langfristig in ‚seinem’ Verein engagierte.

Von der Tür her hörte er ein Geräusch: Fatma, die langen Haare hochgesteckt und mit ihrer College-Mappe unterm Arm, schob sich in den Raum. Ihm fiel sofort auf, dass sie nicht wie sonst lächelte, sondern ernst und ein bisschen traurig dreinblickte. „Guten Morgen Fatma, alles gut bei Dir?“ „Hallo Mathias. Nein, so richtig gut nicht.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Was ist denn passiert?“ „Ach, ich hatte am Wochenende mal wieder ein Klischee-Erlebnis der Dritten Art…“ Wir haben ja noch fast eine Stunde Zeit – Kaffee und Quatschen?“ Fatma lächelte, und als der Kaffee fertig war, erzählte sie Mathias von ihrem mißglückten Date.