Kapitel 6 Weg 31111 – Dennis

Dennis stieg die Stufen zu seiner Wohnung hoch. Im Treppenhaus roch es nach Bratkartoffeln und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Wahrscheinlich kochte Frau Frankiewicz, die Hauswirtin, ihr Mittagessen. Er mochte die alte Frau, die tatsächlich am Abend vor Nikolaus allen MieterInnen ‚heimlich’ ein Tütchen mit selbstgebackenen Keksen und einen Schoko-Weihnachtsmann vor die Tür stellte. Als sie vor einiger Zeit beim Einkaufen gestürzt war und sich den Oberschenkel gebrochen hatte, hatte sich die Hausgemeinschaft zusammengetan und für einen hochwertigen Rollator zusammengelegt, damit Frau Frankiewicz zumindest einigermaßen mobil blieb.

Eigentlich war die 5-Zimmer-Wohnung mittlerweile viel zu groß für die alleinstehende Dame geworden, aber sie wollte auf keinen Fall woanders oder gar im Pflegeheim leben: „Hier kriegt man mich nur mit den Füßen voran raus!“ Jedesmal, wenn Dennis einkaufen ging, läutete er kurz bei ihr und fragte, ob er ihr etwas mitbringen solle, und stets hatte sie, wenn er mit ihren wenigen Einkäufen wiederkam, Kaffee aufgebrüht und den Tisch in ihrer Wohnküche liebevoll mit dem guten Geschirr gedeckt. Den Kuchen dazu backte sie immer noch selbst, weil „das gekaufte Zeug“ ihrer Meinung nicht essbar war.

Sie verstanden sich also gut, was es ihm um so schwerer machte, Frau Frankiewicz mitzuteilen, dass er zeitnah würde ausziehen müssen. Deshalb schob er das Gespräch immer noch vor sich her. Vor sieben Monaten hatte er seinen Job als Fertigungsmechaniker bei Komatsu verloren – zu hoher Krankenstand, wie es lapidar von Seiten der Personalabteilung hieß. Dennis litt schon lange unter Migräne, aber mittlerweile hatte er einmal pro Monat einen derartigen Schub, dass er sich zwei bis drei Tage kaum bewegen konnte, geschweige denn arbeiten. Chronisch krank und arbeitslos – mit Anfang 30! Obwohl die Miete hier ausgesprochen günstig war, würde er sie sich bald nicht mehr leisten können, und die ARGE weigerte sich, für eine Person einen Wohnraum von 68 Quadratmetern zu bezahlen. Was sollte er bloß tun?

Schon vor der Wohnungstür hörte er das Telefon klingeln. Schnell schloss er auf und nahm hastig den Hörer ab: „Dennis Winkler“. „Hallo Dennis“, hörte er seine gute Freundin Amelie mit eindeutig zittriger Stimme sagen. Nach einem leisen Schniefen fragte sie: „Hast Du ein paar Minuten Zeit für mich?“