Kapitel 5 Weg 3111 – Kaltmiete

„Sie sind verbunden mit dem Anrufbeantworter von Mathias Hickel. Nachrichten bitte nach dem Piepton.“ Genervt legte Amelie den Hörer auf. Rentner! Seit ihr Vater seinen Schrebergarten hatte, musste man schon fast eine Audienz bei ihm beantragen – wobei er sich gerne halb im Scherz darüber beschwerte, dass er sie nie zu Gesicht bekam.

Sie nagte an ihrer Unterlippe. Ob sie mit dem Fahrrad zum Garten fahren sollte? Sie musste unbedingt mit Papa sprechen, wobei sie sich nicht auf das Gespräch freute. Er hatte sie bislang immer unterstützt und es ihr ermöglicht, im Ausland zu studieren, obwohl sie genau wusste, wie knapp er selber bei Kasse war. „Sinologie – das ist bestimmt interessant, aber kannst Du später auch mal in dem Bereich arbeiten?“ Naja, es war bestimmt kein Studium, das es ihr ermöglichen würde, später auf großem Fuß zu leben. Aber es machte Spaß und sie konnte sich vorstellen, vielleicht in Linden zu bleiben und später in einem Bereich zu arbeiten, wo sie Chinesisch gebrauchen konnte. Immerhin gab es ja schon eine große asiatische Community hier und im Zweifelsfall konnte sie ja noch nebenberuflich als Übersetzerin arbeiten.

Sie mochte Linden. Viel Natur, viel Kultur und eine entspannte Atmosphäre. Und dass hier so viele Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte relativ tolerant zusammenlebten, brachte schon ein gewisses Metropolen-Feeling mit sich. Logisch, dass der Stadtteil immer beliebter wurde. Nicht nur der Linden-Tourismus boomte (was ihren Vater und viele andere an der Limmerstraße regelmäßig um den Schlaf brachte), auch als Wohnort wurde Linden immer reizvoller. Und genau da lag das Problem: Linden wurde immer beliebter, aber mehr Wohnraum gab es dadurch nicht. Stattdessen wurden Häuser vermehrt von Spekulanten ausgekauft, saniert und zu Quadratmeterpreisen vermietet, die sich kein normaler Mensch leisten konnte.

Amelies Blick ging zu dem Umschlag, der auf dem Küchentisch lag. Das Haus, in dem sie und ihre WG wohnten, hatte vor einem knappen Jahr den Besitzer gewechselt und im Zuge dessen waren alle Bäder renoviert worden. Die Quittung hatten sie nun schwarz auf weiß: Ab nächstem Jahr sollte die Kaltmiete auf 975 Euro erhöht werden. Das bedeutete, dass Amelie in Zukunft hundert Euro mehr pro Monat aufbringen musste – und sie hatte keine Ahnung, wie sie das ohne einen finanziellen Zuschuss von ihrem Vater hinkriegen sollte.