Kapitel 4 Weg 311 – Mathias

Neben dem Ehrenamt als Deutschlehrer ging Mathias wahnsinnig gerne Kanufahren. Er hatte sich in Linden-Limmer einen kleinen Schrebergarten direkt am Kanal gekauft, mit eigenem Bootsanleger. Ja, als Lehrer hatte er nicht schlecht verdient, damals, als die Welt noch in Ordnung war. In seinem Schrebergarten verbringt er jede freie Minute. Am Wochenende schläft er sogar hin und wieder dort und auch der Regen kann ihn nicht von einer kleinen Bootstour abhalten. Von Linden aus paddelt er manchmal den Stichkanal hinauf, in den Mittellandkanal, und über diesen bis ins Umland Hannovers. Manchmal nimmt er aber auch die Route in Richtung Leine. „Hannover ist die einzige Stadt, an der die Frauen mit ihren Männern an der Leine spazieren gehen“, pflegte seine Frau oft zu sagen und freute sich jedes Mal über diesen Witz, während sie Mathias schelmisch von der Seite her anlachte. Marianne, seine Frau, war vor 14 Jahren an einer plötzlichen Hirnblutung gestorben. Ihre gemeinsame Tochter hatte sie damals im Badezimmer gefunden und den Notarzt gerufen. Aber jede Hilfe kam zu spät. Ihr plötzlicher Tod riss Mathias für zwei Jahre vollkommen aus der Bahn, er wurde als arbeitsunfähig eingestuft und kündigte seine Mitgliedschaft im Kanu-Club Limmer. Marianne und er waren 15 Jahre lang glücklich verheiratet gewesen. Ihre gemeinsame Tochter Amelie war zu dem Zeitpunkt des Todes 14 Jahre alt. Für beide war es eine schwere Zeit, die sie aber dennoch noch enger zusammen rücken ließ.
Nun ist Amelie dabei zu studieren und die Welt zu bereisen. Ein Semester in Hong Kong, ein Praktikum in Indien und in den Semesterferien mal eben nach Ghana. Ja, so war die neue Welt. Aber Mathias freut sich für seine Tochter und unterstützt sie, wo er nur kann. Dennoch bekommt er sie kaum noch zu Gesicht. Naja, auch er hatte sich mittlerweile ein neues Leben aufgebaut, wenn auch etwas anders als seine Tochter.