Kapitel 1 – Ein Morgen in Linden

Die alte Frau Frankiewicz fühlte sich ganz zerschlagen. Mitten in der Nacht war sie plötzlich von Blaulicht vor ihrem Fenster im Erdgeschoss aus dem Schlaf gerissen worden. Zu sehen war nichts gewesen, aber eingeschlafen war sie erst einmal nicht mehr. Das war sicher der Hickel gewesen, der Griesgram aus dem dritten Stock, der immer die Polizei rief, nur weil mal ein bisschen Gegröle auf der Straße war. Sie hörte eh nichts mehr ohne Hörgerät. Sie schob ihren Rollator durch die Eingangstür der Bäckerei, vor ihr in der Schlange stand ein junger Schwarzer. Und davor stand Hickel, er ließ sich gerade bedienen, natürlich grüßte er nicht einmal.

Malte stand in der Reihe nun fast ganz vorne, hinter ihm eine alte Frau und an der Theke vor ihm ließ sich gerade ein griesgrämiger Mitvierziger mit Glatze ein Wurstbrötchen einpacken. Als er an der Reihe war, sagte er nur: „Bitte die Brötchen für Schneider“. Die alte Frau hinter ihm schaute ihn entgeistert an: „So heißen Sie aber nicht, oder?“ „Malte Schneider“, stellte er sich kurz vor, er kannte das schon. „Aber Sie sind doch Afrikaner, wo kommen Sie denn her?“ „Aus Dessau.“ „Na, so etwas.“ „Und wie heißen sie?“ „Frankiewicz.“ Malte grinste: „Na, das ist ja auch ein urdeutscher Name.“ Die alte Frau schien den Scherz nicht zu verstehen, sie nickte. „Ja, meine Großeltern haben auch schon in Linden gewohnt.“ Malte schluckte nur, meist gefiel ihm Linden ja ganz gut, aber irgendwie war es hier teilweise doch wie überall sonst, und das nur, weil er keine Kartoffel war. Aber der Stadtteil war trotzdem auch anders. An der Wand am Haus gegenüber prangte ein Graffito. Zuerst putzen sie die Graffiti weg, dann sorgen sie für Ruhe und Sauberkeit, und dann räumen sie Euch aus den Wohnungen – Gentrifizierung stoppen! Er konnte sich schon denken, wer den dort angebracht hatte, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Azad war wieder einmal völlig übermüdet, Schichtwechsel, gestern hatte er noch Spätdienst gehabt und heute früh raus, nur weil sie unterbesetzt waren. Und dann schickten ihn seine Kollegen vom dritten Polizeirevier immer vor, wenn es um Ausländer ging, und dann Russen, er war Kurde und auch mit Türken war es zum Teil schon schwierig. Dabei war sein Traum die Kripo und das Betrugsdezernat, sonst hätte er auch gleich Sozialarbeiter werden können. Und dann hatten sie noch einmal raus gemusst, nur weil sich irgendwer über Lärm auf der Straße aufgeregt hatte. Aber die Brötchen rochen gut und einen Kaffee würde er auch nehmen. Aber jetzt musste die Bäckersfrau erst noch mit der Alten quatschen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Ein junger Schwarzer lief an ihm vorbei, sicher ein Flüchtling, dafür war der aber gut gekleidet.

8:44 Uhr, der Laden war um diese Zeit immer rappelvoll und Anna stand schon seit halb sechs in der Bäckerei. Dabei hatten ihre Eltern sie gestern aus Polen angerufen und ihr mitgeteilt, das ihr Bruder an Krebs erkrankt sei, und dann hatten irgendwelche Asozialen nach Mitternacht auf der Straße Fußball gespielt, direkt unter ihrer Wohnung, und rumgeschrien. Die Kneipe an der Ecke schenkte freitags immer Cocktails zum halben Preis an Frauen aus, und als sie „Spinnt ihr? Hier wollen Leute schlafen!“ runterbrüllte, hatte dieses Blondchen hochgerufen: „Fick dich selber.“ So verhielt sich doch kein normaler Mensch, wahrscheinlich nahmen die alle Drogen. Da hatte sie das erste Mal in ihrem Leben die Polizei gerufen. Zum Glück wohnte sie nur zwei Häuser weit von der Bäckerei entfernt, zumindest war ihr Arbeitsweg nicht weit. Für die alte Frau Frankiewicz nahm sie sich trotzdem etwas Zeit, die anderen Kunden würden das schon überleben.

Maja Schröder hatte immer noch einen dicken Kopf von der letzten Nacht, sie hatten sogar noch Fußball gespielt, das war lustig gewesen, aber so richtig bekam sie nicht mehr alles zusammen. Auf jeden Fall musste sie zur Uni. Malte aus der WG unter ihnen kam ihr mit einer Tüte Brötchen aus der Bäckerei entgegen. Sie quatschten kurz, dann trat sie in den Laden. Irgendwie hatte sie kurz den Eindruck, als würde die Bäckereifachverkäuferin sie böse anstarren. Aber das bildete sie sich sicher nur ein. An einem der Stehtische trank ein Mann einen Kaffee und eine alte Frau mit Rollator fuhr an ihr vorbei.