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Maria Renate Werner


"Ein Teil von uns". Street Photography aus den Sechziger Jahren


Sa, 14.09.19 -

Sa, 26.10.19

Der Nachbarin Café

Öffnungszeiten: Mo bis Fr 11-18 Uhr / Sa und So 10-18 Uhr

Eintritt: frei

Aus einer bekannten Braunschweiger Familie stammend, heiratete meine Mutter 1947 den hannoverschen Unternehmer Rudolf Werner. Sie starb Sylvester 1974, unerwartet und viel zu früh. Mit dem wachsenden Erfolg ihres politisch aktiven Mannes gingen bald große und kleine, gegenwärtig wie künftig wichtige Menschen in ihrem Haus ein und aus. Da war das Führen eines solchen Hauses bald nicht genug und es entstand der Wunsch, selbst etwas eigenes beizutragen.

Als ich zehn Jahre alt war, begann meine Mutter die Ausbildung zur professionellen Photographin in Hannover und schloss sie 1968 in Hamburg ab. Sie war keine Anfängerin. Ihr Vater kehrte nach Forschungsreisen in Ostasien mit Hunderten belichteter Glas-Dias zurück. Ihr älterer Bruder und sie reisten in Europa seit 1938, und filmten und fotografierten – mit ihren Gebrauchsarbeiten unterstützte sie die Bundestags-Kampagnen meines Vaters.

Sie suchte mit der Erfahrung nach dem Unterschied zwischen der Inszenierung und dem Dokument. Ihr Blick wanderte dabei von der zentralen Ansicht hinüber zum Rand, der die Perspektive schärft und pointiert und dabei die Intention, nicht immer bekannt, manchmal dunkel, der Fotografin preisgibt, und sei es nur die Vorliebe für ein Muster, ein grafisches Element, ein Detail oder etwas, das verloren gegangen oder lange übersehen worden war.

Heute finde ich mich in der Situation, dass ich nicht mehr alle ihre Bilder deuten kann, mir manche ihrer Motive rätselhaft bleiben. Ich bildete mir ein zu wissen, dass sie die romantischen niedersächsischen Städte liebte, wegen ihres seltsamen “Aus-der-Zeit-gefallen-Seins”. Doch sie liebte auch Carl Spitzweg, und, wie dieser, fand ihr eulenspiegelhafter Geist unweigerlich die verdeckten Widersprüche.

Nur selten war sie selbst Teil ihrer eigenen Tableaus, unterstützte mit ihrem schauspielerischen Talent ihre Söhne bei deren Film– und Fotoarbeiten. Geblieben sind die Fotografien, Dokumente von einer besonders den Kindern Mitfühlenden. Sie war unabhängig in ihren Mitteln und griff ein, wenn es nottat, auch direkt und konfrontativ, dabei den anderen immer den Spielraum lassend für Verständnis und eine hilfreiche Erwiderung.

Dies ist ein Gruß an meine Mutter, an jene ihrer Kinder, Verwandten und Freunde, die leben und sich ihrer entsinnen, und zum Gedenken an all die anderen, die nicht mehr da sind und fehlen – wie sie. Die Auswahl der Photographien ist streng subjektiv und so nahe an ihrem empathischen Charakter wie nur immer möglich. Sie bleibt ein Teil von uns.

Christoph Werner